Entstehung, Leitbild, Philosophie, Ziele

Entstehungsgeschichte

Die Idee entstand aus einem Widerspruch, den wir nicht länger hinnehmen wollten: Kinder wollten turnen, fanden aber keinen Platz. Lange Wartelisten, Aufnahmestopps und teilweise sogar vorausgesetzte Vorerfahrungen führten dazu, dass Kinder über Jahre warten mussten oder gar nicht erst aufgenommen wurden. Besonders paradox: Gerade die Fähigkeiten, die vorausgesetzt wurden, sollten im Vereinstraining eigentlich erst erlernt werden.

Auch meine eigene Tochter erhielt keinen Platz in dem Verein, in dem ich selbst als Übungsleiter tätig war. Aus dieser persönlichen Erfahrung entstand die Idee, ein eigenes Angebot aufzubauen. Von Anfang an stand dabei ein einfacher Gedanke im Mittelpunkt:

 

Jedes Kind darf turnen – kein Druck.

 

Ich begann, Unterstützerinnen zu gewinnen, und konnte schnell ein engagiertes Team aus Übungsleitungen und Sportassistentinnen aufbauen. Seit Februar 2025 bieten wir mehrmals wöchentlich Kunstturnen in der Turnhalle der Offenen Schule Köln an. Das Angebot wächst nahezu ausschließlich durch Empfehlungen von Familien. Inzwischen turnen bei uns rund 200 Kinder, begleitet von etwa 20 Trainerinnen und Sportassistentinnen. Nach unserer Kenntnis gibt es im Umkreis von 50 Kilometern kein vergleichbares Angebot.

 

Ziele

Unser Ziel ist nicht, Kinder an ein bestehendes Sportsystem anzupassen. Wir wollen unser Angebot so gestalten, dass Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen darin selbstverständlich ihren Platz finden.

Jedes Kind darf turnen – unabhängig von Vorerfahrung, Leistungsstand, Behinderung, Neurodivergenz oder individuellem Entwicklungstempo.

Inklusion bedeutet für uns deshalb kein separates Angebot. Es gibt bei uns keine „Inklusionsgruppe“, in die bestimmte Kinder eingeordnet werden. Kinder mit und ohne Behinderung, mit unterschiedlichen motorischen Fähigkeiten sowie unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung und Konzentration trainieren gemeinsam. Dabei muss nicht jedes Kind dasselbe erreichen. Für ein Kind kann es ein großer Erfolg sein, erstmals allein über einen Balken zu gehen, während ein anderes den nächsten schwierigen Sprung erlernt. Entscheidend ist die persönliche Entwicklung. Wir möchten Kindern die Erfahrung ermöglichen: Ich bin hier richtig. Ich kann etwas. Ich darf auf meine Weise lernen.

Deshalb ist unser Konzept bewusst leistungsdruckfrei. Wettkämpfe stehen nicht im Mittelpunkt. Wir messen Erfolg nicht daran, wie schnell ein Kind ein bestimmtes Leistungsniveau erreicht, sondern daran, ob es sich weiterentwickelt, Neues ausprobiert und Freude an Bewegung gewinnt.

 

Maßnahmen

Wir bieten mehrmals wöchentlich Kunstturnen in kleinen Gruppen an. Mit zunehmender Nachfrage haben wir das Angebot um einen Erweiterungskurs für besonders interessierte Kinder ergänzt. Zusätzlich starten wir diesen Sommer einen Parkour-Kurs, um eine weitere spielerische Form der Bewegung anzubieten. Ein zentraler Baustein unseres Konzepts ist der hohe Personalschlüssel. Dadurch können wir Kinder nicht nur in einer großen Gruppe anleiten, sondern tatsächlich wahrnehmen und auf unterschiedliche Voraussetzungen reagieren.

Inklusion zeigt sich bei uns vor allem in den vielen kleinen Entscheidungen während einer ganz normalen Trainingsstunde. Nicht jedes Kind bekommt automatisch dieselbe Übung. Aufgaben können vereinfacht, verändert oder erweitert werden. Ein Kind übt mit Hilfestellung, während ein anderes bereits die schwierigere Variante trainiert. So trainieren alle gemeinsam, aber nicht zwangsläufig auf dieselbe Weise.

An unseren Kursen nehmen unter anderem Kinder mit Trisomie 21 sowie Kinder mit ADHS oder aus dem Autismus-Spektrum teil. Dabei orientieren wir uns nicht allein an einer Diagnose, sondern am jeweiligen Kind. Klare Abläufe, verständliche Ansagen und wiederkehrende Strukturen können beispielsweise Kindern mit ADHS oder aus dem Autismus-Spektrum Sicherheit geben. Gleichzeitig lassen wir Raum für Flexibilität: Manche Kinder benötigen mehr Zeit, bevor sie eine neue Übung oder ein Gerät ausprobieren. Andere profitieren von Bewegungspausen, kurzen Aufgaben oder Wahlmöglichkeiten.

Wir zwingen kein Kind, eine Übung sofort auszuführen. Erst beobachten, dann ausprobieren, vielleicht mit Unterstützung – auch das ist für uns ein legitimer Lernweg. Insbesondere bei Kindern mit Trisomie 21 stehen wir in engem Austausch mit den Eltern und passen Übungen und Hilfestellungen an die individuellen Möglichkeiten an. Je nach Situation bleibt ein Elternteil während des Trainings dabei oder übergibt die Betreuung vollständig an unser Team. Wichtig ist uns dabei, Kinder möglichst nicht zu separieren. Unterstützung findet innerhalb der Gruppe statt. Ein Kind kann zusätzliche Hilfe benötigen und trotzdem selbstverständlich Teil der gemeinsamen Trainingseinheit bleiben. Auch unsere Strukturen sind nicht starr. Wenn ein Kind noch nicht bereit ist, in die nächste Altersgruppe zu wechseln, muss es das nicht. Wir ermutigen zur Entwicklung, setzen sie aber nicht unter Druck.

 

Unser Anspruch lautet: Nicht das Kind muss zu unserem Konzept passen – unser Konzept muss zum Kind passen.

Diese Haltung gilt auch für unsere Trainingsorganisation. Ursprünglich arbeiteten wir stärker mit festen Geräte-Rotationen. Dabei stellten wir fest, dass längere Wartezeiten für manche Kinder – insbesondere am späten Nachmittag – schwierig waren. Wir probierten deshalb eine freie Gerätewahl aus und beobachteten eine höhere Motivation. Heute kombinieren wir beides: Struktur gibt Orientierung, Wahlmöglichkeiten schaffen Selbstbestimmung. Wir verstehen uns deshalb als lernende Organisation. Wir beobachten, hinterfragen und verändern unser Konzept, wenn die Erfahrung zeigt, dass etwas besser funktionieren kann.

 

Beteiligte und Netzwerke

Die Gesamtkoordination liegt bei mir, Stefan Rygol. Unterstützt werde ich derzeit von etwa 5–7 Übungsleitungen sowie mehr als 20 Sportassistent*innen. Im Team arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen im Turnsport zusammen, darunter aktive und ehemalige Kunstturner*innen. Die Mitarbeit erfolgt vollständig ehrenamtlich und zusätzlich zu Beruf, Studium oder Schule. Das Team steht regelmäßig im Austausch über Trainingsinhalte, Beobachtungen und die Entwicklung der Kinder. Dadurch können wir Erfahrungen aus unterschiedlichen Perspektiven zusammenführen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Die Kurse finden in Kooperation mit der Offenen Schule Köln statt. Ein weiterer wichtiger Partner sind die Eltern. Sie kennen ihre Kinder am besten und wissen häufig, was ihnen hilft, was sie überfordert oder wann sie Unterstützung benötigen. Deshalb verstehen wir den Austausch mit den Familien als festen Bestandteil unserer inklusiven Arbeit. Auch Wünsche wie, dass ein Elternteil zunächst am Rand zuschauen möchte, können wir unkompliziert ermöglichen. Vertrauen entsteht für uns nicht durch Vorgaben, sondern durch Zusammenarbeit.

 

Finanzierung und Ausstattung

Das Projekt wird vollständig ehrenamtlich getragen. Alle Beitragseinnahmen fließen direkt in das Projekt – in die Vergütung des Trainerteams sowie in die Anschaffung und Erweiterung unserer Turnausstattung. Die Basis stellt uns die Offene Schule Köln zur Verfügung in ihrer Turnhalle. Weitere Geräte habe ich persönlich angeschafft. Die wichtigste Ressource sind jedoch die Menschen: ein großes ehrenamtliches Team, das seine Zeit, Erfahrung und Energie neben Beruf, Studium oder Schule einbringt.

 

Projektverlauf

Seit dem Start im Februar 2025 ist das Projekt kontinuierlich gewachsen. Aus einer persönlichen Idee ist innerhalb kurzer Zeit ein Angebot mit rund 200 Kindern und etwa 20 Trainerinnen und Sportassistentinnen entstanden. Dabei bedeutet Wachstum für uns nicht nur mehr Kinder, sondern auch mehr Verantwortung und mehr Lernprozesse. Mit zunehmender Zahl und Unterschiedlichkeit der Kinder wurde uns bewusst: Zugang allein reicht nicht. Ein Kind aufzunehmen bedeutet noch nicht automatisch, dass es wirklich teilhaben kann. Deshalb haben wir begonnen, unsere Strukturen konsequent aus Sicht der Kinder zu hinterfragen: Warum müssen alle gleichzeitig dasselbe tun? Warum muss ein Kind die Gruppe wechseln, wenn es noch nicht bereit dafür ist? Warum sollte eine Übung nur auf eine bestimmte Weise ausgeführt werden? Warum müssen Kinder warten, wenn sie gerade motiviert sind? Aus diesen Fragen sind konkrete Veränderungen entstanden: differenzierte Übungen, flexible Gruppenstrukturen, freie Gerätewahl, angepasste Rotationen und ein hoher Personaleinsatz. Ein wichtiger Meilenstein war außerdem der Erweiterungskurs für Kinder, die einen besonderen Fokus auf Kunstturnen entwickelt haben und intensiver trainieren möchten. Unser Projekt folgt damit keinem starren Masterplan. Es entwickelt sich aus den Erfahrungen mit den Kindern.

 

Öffentlichkeitsarbeit

Eine klassische, breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit findet bisher kaum statt. Unser Angebot wächst vor allem durch Empfehlungen innerhalb der Elternschaft. Ergänzend informieren wir über unsere Internetseite und WhatsApp-Statusmeldungen. Dass das Angebot trotz geringer klassischer Öffentlichkeitsarbeit auf rund 200 Kinder angewachsen ist, zeigt uns den bestehenden Bedarf – und vor allem das Vertrauen der Familien.

 

Persönliche Erfahrungswerte

Unsere wichtigste Erkenntnis ist: Inklusion beginnt nicht bei der Diagnose eines Kindes, sondern bei der Haltung der Erwachsenen. Wenn ein Kind nicht mitmacht, fragen wir deshalb zunächst nicht: „Was stimmt mit dem Kind nicht?“, sondern: „Was können wir an unserer Situation verändern?“ Vielleicht ist eine Aufgabe zu schwierig oder zu leicht. Vielleicht ist es zu laut. Vielleicht braucht das Kind mehr Zeit, eine klare Ansage, eine Bewegungspause oder einfach die Möglichkeit, zunächst nur zuzuschauen.

Oft sind es kleine Veränderungen, die Teilhabe ermöglichen. Wir haben dabei gelernt, dass Inklusion nicht bedeutet, für jedes Kind ein Sonderprogramm zu schaffen. Im Gegenteil: Unser Ziel ist, Unterschiede so selbstverständlich in den normalen Kursablauf zu integrieren, dass Kinder nicht aufgrund ihrer Besonderheiten aus der Gruppe herausfallen.

Besonders berührt uns, wenn Eltern zurückmelden, dass ihr Kind bei uns erstmals das Gefühl hat, in einem Sportverein wirklich willkommen zu sein.

Genau darin sehen wir die Stärke unseres Projekts:

Wir wollen nicht möglichst viele Kinder in unser bestehendes Angebot bekommen. Wir wollen unser Angebot so gestalten, dass möglichst viele Kinder darin Platz finden.

Inklusion ist für uns deshalb kein Zusatzangebot und kein Sonderweg. Sie ist die Grundlage dafür, wie wir Training planen, Gruppen organisieren und mit Kindern umgehen.

Jedes Kind darf turnen. Gemeinsam wachsen – kein Druck.